Eine Ära geht zu Ende – Der „Frankencup“ von 1991-2019

Chronik des Kreuzhebe-Events in Randersacker

Man schreibt das Jahr 1991 nach Christus. Ganz (Kraftsport-)Deutschland blickt noch gebannt Richtung Niederbayern, wo der Stemmclub Bavaria 20 Landshut ein Jahr zuvor den internationalen „Bavaria-Cup“ ausgerufen hat. Ganz Kraftsportdeutschland? Nein, in einem kleinen Winzerörtchen in Mainfranken beschließen einige unverbesserliche Idealisten selbst eine hochkarätige Kreuzhebeveranstaltung auszurichten. Die Marschrute ist klar: Hochkarätige Wettkämpfe, professionelle Organisation und ein ganz besonderes Flair sollen diesen Event ausmachen. Wer letztendlich die grandiose Idee hatte, lässt sich im Nachhinein nicht mehr zweifelsfrei klären: „Wie wäre es denn, wenn wir ‘oben ohne’ an die Hantel gehen?“ Ungläubiges Staunen. „Also ohne Dach über dem Kopf natürlich – ein Open-Air-Wettkampf!“ Maßlose Begeisterung! Gesagt, getan: die „Nordbayerische Meisterschaft im Kreuzheben“ war geboren. Seither treffen sich jedes Jahr im Herbst die bundesweit stärksten ihrer Zunft, um vor unvergleichlicher Kulisse in Randersacker zu starten.

Über 30 Starter/innen griffen bei der Premiere vor 20 Jahren nach der Kreuzheberkrone Nordbayerns; der Relativsieg im bereits damals bemerkenswert starken Teilnehmerfeld ging an den mehrfachen Weltmeister Antonio Fidilio vom SV Coburg, der mit einem Körpergewicht von gerade einmal 60 kg 235 kg in die Höhe zog und somit die magische Grenze von 200 Relativpunkten durchbrach. Damit war der Grundstein für jenen Event gelegt, der mittlerweile in der Bundesrepublik seinesgleichen sucht und jedes Jahr bis zu 600 frenetische Fans vor die Freiluftbühne am Main lockt.

Bis 1996 war die „Nordbayerische Meisterschaft im Kreuzheben“ dem Titel gemäß ein rein bajuwarisches Kräftemessen. Als jedoch ein anderer Verein im Alleingang versuchte, die Veranstaltung in eine geschlossenen Halle zu kopieren, sahen sich die Unterfranken im Zugzwang und entschlossen kurzerhand, sich unter dem bis heute beibehaltenen und geschützten Titel „Frankencup“ von dem Duplikat abzugrenzen und den Wettkampf bundesweit auszuschreiben.

 

Im Jahr 2002 wurde die mannschaftlich geschlossene Leistung erstmals mit einem neuen, 30 kg schweren, Wanderpokal - dem eigentlichen Frankencup - geehrt. Trotz starker Leistungen aller teilnehmenden Mannschaften sicherte sich zunächst die heimische SG Randersacker diesen Titel zweimal in Folge. Seit 2010 darf der VfB Klötze nach dreimaligem Gewinn der Mannschaftswertung in Folge diesen Pokal sein Eigen nennen.

 

Schnell eilte dem alljährlich stattfindenden Wettkampf sein sehr guter Ruf voraus und erreichte auch jenseits des Weißwurstäquators interessierte Kraftsportohren. In den folgenden Jahren meldeten stets die besten Kreuzheber und Topathleten Deutschlands zum Frankencup und waren immer wieder aufs Neue beeindruckt von der riesigen Kulisse vor den mainfränkischen Weinbergen. Unter ihnen ging auch der damalige amtierende deutsche Meister der Strongman, Dieter Seidenkranz, vom KKC Bodyfit Bad Abbach an die Hantel, der sich jedoch vergeblich an der Rekordlast von 360 kg versuchte. Nicht zuletzt aufgrund solch herausragender Leistungen wurde auch der Bundesverband deutscher Kraftdreikämpfer auf das Event in Mainfranken aufmerksam. Die SG Randersacker erhielt daraufhin 2006 den Zuschlag für die Ausrichtung der ersten Deutschen Meisterschaft im Kreuzheben.

Der Relativ-Einzelsieg des Frankencups war jahrelang eine Domäne des starken Geschlechts: in der Liste der Frankencupsieger finden sich namhafte Teilnehmer wie Mario Schnurr, Christoph Erbs oder auch Mathias Melcher, der diesen Titel bis heute gar drei Mal gewinnen konnte und mit einer Relativpunktzahl von 216,1085 aus dem Jahr 2008 jahrelang den Relativrekord hielt. Ein Jahr später jedoch beendete Weltklasseheberin Gunda Fiona von Bachhaus, die zum ersten Mal die Freiluftbühne in Randersacker betrat, diese Ära männlicher Dominanz. Mit 200 bewältigten Kilogramm und damit 213 Relativpunkten sicherte sie sich 2009 den Gesamtsieg und wiederholte diesen Erfolg 2010.

 

In den folgenden Jahren war der Gesamtsieg dann vom Superschwergewicht Tobias Zinserling dominiert, der insgesamt 4-mal gewann und 2017 auch eine Rekordlast von 370 kg bewältigen konnte. Dieses Jahr, beim allerletzten Frankencup, wollte es der Mann vom Gothaer Bierfassheberverein noch mal richtig wissen und 375kg zur Hochstrecke bringen – scheiterte aber leider zweimal an dieser ungeheuren Last.

Ein Gesamtsieger, der nicht unerwähnt bleiben darf, weil er „der“ Kraftdreikämpfer schlechthin ist, war der aus dem Jahre 2017. Dort konnte der 93 kg schwere Athlet den Relativrekord knacken und mit gezogenen 355 kg sage und schreibe 221,9 Punkte erreichen. Der Kraftsportkenner weiß jetzt genau, dass es sich um keinen geringeren als den Mainzer Sascha Stendebach handeln kann. Aber wer jetzt denkt, dass dieser Rekord für die Ewigkeit gedacht war, liegt falsch. In diesem Jahr konnte der Relativ-Rekord noch einmal ausgebaut werden!

 

Caroline Garhammer-Vogt, Relativsiegerin der Frauen von 2018, brachte mit einem Körpergewicht von nur 60,1 kg glatte 200 kg zur Hochstrecke und verdiente sich dadurch unglaubliche 222,7 Relativpunkte! Somit wird die Sportlerin vom STC Bavaria 20 Landshut für alle Ewigkeit behaupten können, in 29 Jahren Frankencup die relativbeste Heberin zu sein.

Aber nicht nur die weltklasse Einzelleistung hat sich 2019 noch einmal geändert, denn zum Abschluss hat der KSV Renchtal den alten Mannschaftsrelativrekord mit einer Leistung von 775,8 Punkten überboten.

 

Am beständigen Erfolg des VFB Klötze, der in der Geschichte des Frankencups bereits 6-mal Mannschaftssieger wurde, hat sich 2019 aber nichts geändert.

Wenn es schon um Beständigkeit geht, sind Mario Schnurr vom KSV Renchtal und Alexander Geitner vom KSV Essen nicht wegzudenken, denn beide haben schon etliche Male auf der Randersackerer Schützenwiese Gewichte gen Himmel gestemmt.

 

Nicht alle Leute, die in der Chronik des Frankencups einen Platz haben, sind von weit her angereist. Janos Geerhardt von der SG Randersacker hat es geschafft, trotz des Organisationsstresses als 1. Abteilungsleiter, 17-mal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen. Damit ist er der Rekordfrankencupsieger und unstreitig eine Symbolfigur für das Open-Air Event.

Die Meldeliste beim Frankencup wuchs seit Anbeginn stetig weiter an. Der Rekord liegt bei über 125 Athleten. Das bestätigt die Beliebtheit dieses Wettkampfes und die Anerkennung der tadellosen Organisation und Durchführung durch die Abteilung Gewichtheben der SGR. Der Kampf unter freiem Himmel um den begehrten Wanderpokal und den Einzelsieg war immer ein Highlight im Wettkampfkalender. Wir, die Gastgeber von der SG Randersacker, bedanken uns bei jedem Einzelnen, der jemals teilgenommen, oder die Athleten angefeuert hat! An letzter Stelle ist aber das Team rund um Janos Geerhardt zu erwähnen, ohne dieses Event nie hätte stattfinden können. Auch zu erwähnen ist jedes einzelne Mitglied der Abteilung Gewichtheben, dass seinen Teil dazu beigetragen hat, dass eine solche einzigartige und fantastische Veranstaltung stattfinden konnte. DANKE!

 

Dennoch muss sich Kraftsport-Deutschland keine ernsthaften Gedanken machen -  auch in Zukunft werden sich die besten Kreuzheber und Kraftdreikämpfer in Randersacker an der Sportanlage am Sonnenstuhl zu Deutschen- und Landesmeisterschaften treffen.

 

Johannes Keppner & Jonas Bausewein

Bundesverband Deutscher Kraftdreikämpfer e.V.
www.bvdk.de